https://inoy.org/i/9m/pobeda75/pobeda75d.png

 

Дорогие друзья!

К 75-летию освобождения Европы от фашизма совместно с Зальцбургским университетом мы планировали показать художественную выставку о блокадном Ленинграде. Автор работ - известный советский художник, график и иллюстратор детских книг Алексей Пахомов (1900 - 1973 гг.), сам переживший всю блокаду и запечатлевший в своем литографическом цикле эту трагическую страницу истории города на Неве.

К сожалению, по понятным причинам показ выставки, которая должна была открыться в Зальцбурге 28 апреля, пока невозможен. Надеемся, однако, что позже все желающие смогут увидеть ее вживую.

А сегодня мы предлагаем Вам некоторые работы Алексея Пахомова - пронизанные трагизмом и болью свидетельства стойкости непобежденных ленинградцев.

С праздником 75-летия Великой Победы!

 

С.М.Магута

Генеральный консул

Российской Федерации в Зальцбурге, Австрия

 

Liebe Freunde!

Zum 75. Jahrestag der Befreiung Europas vom Faschismus haben wir gemeinsam mit der Paris-Lodron Universität Salzburg geplant, eine Kunstausstellung über die Leningrad-Blockade zu präsentieren. Der Autor dieser Werke ist der bekannte sowjetische Maler, Grafiker- und Kinderbuchillustrator Alexej Pachomov (1900-1973). Er selbst durchlebte die ganze Zeit der Belagerung und hat in seinem Lithographie-Zyklus dieses tragische Kapitel der Geschichte der Stadt an der Newa dokumentiert.

Zu unserem Bedauern kann die Ausstellung, deren Eröffnung zunächst für den 28. April terminiert wurde, unter heutigen Umständen noch nicht gezeigt werden.

Wir hoffen aber, dass sich alle Interessenten diese Kunstausstellung zu einem späteren Zeitpunkt live werden ansehen können.

Heute bieten wir Ihnen die virtuelle Schau der Werke-Alexej Pachomovs an – mit Tragik und Leid geprägte Zeugnisse der Standfestigkeit der unbesiegten Leningrader.

Ich darf allen zum 75. Jahrestag des Großen Sieges gratulieren!

 

Sergej M.Maguta

Generalkonsul der Russischen Föderation

in Salzburg, Österreich

 

Der Leningrader Genozid und die Kunst

So etwas gab es noch nie. Nein, gemeint ist nicht der Krieg. Seit Menschengedenken vernichteten Kriege eine Unzahl von Leben. Grausamkeiten gab es genug, jedoch, wie man glaubt, als Auswüchse von Barbarei. Aber noch nie gab es, dass Menschen, die sich selbst zu den Zivilisierten zählten, sogar zu den „besten“ von ihnen, sich die Aufgabe gestellt haben, friedliche Bewohner einer Dreimillionenstadt - Frauen, Alte, Kinder - zu vernichten. Nicht als „Nebenprodukt“ der militärischen Operationen, nicht mit dem Ziel, sie zur Aufgabe zu zwingen, sondern um sie „einfach“ physisch zu vernichten. Bewusst, sorgfältig geplant, mit Hilfe der auf Zerstörung menschlichen Lebens ausgerichteten Wissenschaft.

                                                                                          

Eine beispiellose Variante solcher raffinierter Grausamkeit waren die Gaskammern Nazi-Deutschlands, wo Millionen Juden Europas „entsorgt“ wurden. Eine zweite, ebenso beispiellose Spielart  dieser Vernichtungsstrategie war der „feststehende Entschluss des Führers, Moskau und Leningrad dem Erdboden gleich zu machen, um zu verhindern, dass Menschen darin bleiben, die wir dann im Winter ernähren müssen“,  - so steht es im Tagebuch des Generalstabschef des Heeres Franz Halder vom 8. Juli 1941 - 17 Tage nach dem heimtückischen Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion.

                                                                                                   

Petersburg, damals Leningrad - eine der schönsten Kulturmetropolen der Welt - dem Erdboden gleich zu machen, gelang aber nicht so schnell, wie von den Blitzkrieg-Strategen erhofft. Mit der Durchhaltekraft des verzweifelten Widerstands der Roten Armee an der Leningrader Front haben sie nicht gerechnet. Der kostete über eine Million junger Soldatenleben. Die ganze Erde um Leningrad ist mit ihrem Blut getränkt. Deutsche Verluste waren jedoch nicht vorgesehen. So fand man es viel effizienter, statt in blutigen Kämpfen eigene Kräfte und Technik zu verlieren, Leningrad nicht einzunehmen, sondern einzuschließen. Am 8. September 1941, als sich der tödliche Belagerungsring um Leningrad schloss und die Stadt vom übrigen Land abgeschnitten wurde, hieß es: „Der Führer hat erneut entschieden, eine Kapitulation nicht anzunehmen, die Flucht der Bevölkerung durch Waffeneinsatz zu verhindern. Schwere Seuchengefahren sind zu erwarten. Kein deutscher Soldat hat daher diese Stadt zu betreten. … Die Frage war nur wo, nicht ob Zivilisten verhungern “. So wurde der Massenmord beschlossen, zu dem es kein Maß und keinen Vergleich dieser Art gibt.

 

„Leningrader Genozid“ - so wurde die Tragödie der Stadt an der Neva vom deutschen Forscher Jörg Ganzenmüller endlich beim Namen genannt. In seiner unfassbar grausamen, durchkalkulierten Systematik ist Hitlers Menschen-Entsorgung in Leningrad lediglich mit dem Holocaust vergleichbar. Die Juden wurden in wenigen Minuten in den Gaskammern erstickt. Auch die „Untermenschen“ in Leningrad sollten ersticken - nur langsam - im Würgegriff der Hungerblockade. Von Auschwitz, Maidanek, Treblinka weiß heute die ganze Welt. Über den Leningrader Genozid weiß außerhalb des Landes - kaum jemand. Am 27. Januar wird jährlich feierlich der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee gedacht. Dass am gleichen Tag ein Jahr davor - am 27. Januar 1944 - die gleiche Armee mit der Sprengung der Leningrader Blockade eines der grausamsten Kapitel des Zweiten Weltkrieges beendet hat, wird nicht einmal erwähnt.

 

Vom bestialischen Plan Hitlers wusste lange Zeit niemand, viele bis heute nicht. Für die Sowjetvölker war es zunächst ein Krieg gegen die Eroberer und Okkupanten. Die im Geiste des Internationalismus erzogene Menschen waren gewöhnt, die Deutschen von den Faschisten klar zu trennen. Goethe, Schiller, Heine gehörten hier zum Schulprogramm, Deutsch - zu den Hauptfremdsprachen, Bach, Beethoven, Schumann - zu den meistgespielten Komponisten. Die klassische deutsche Kultur war ein Teil der eigenen. Am Anfang hat man naiv erwartet, das ganze deutsche Volk wird sich jeden Moment erheben, um der braunen Pest Einhalt zu gebieten. Allmählich erst entpuppte sich in Russland die andere, rassistische Dimension des Feindes, der dem ganzen Vielvölkerstaat mit Sklaverei und Ausrottung drohte.

                                                                                                                                                           

Knapp 900 unendliche Tage und Nächte dauerte die beispiellose Tragödie der Stadt an der Neva - die größte demografische Katastrophe einer Stadt seit Menschengedenken. Die Blockade kostete über anderthalb Millionen Leben. Eine genaue Zahl ist wohl nie zu ermitteln, denn Dokumente enthalten lediglich registriertes Sterben. Und wie viele gab es, die unter den Bedingungen des schrecklichen Massensterbens im Winter 1941/42 unmöglich zu registrieren war. 

                                                                                                                                                                                           

Der Feind hat die Stadt nicht betreten. Stattdessen kam der von ihm geschickte Hunger. Er war für die Leningrader schlimmer als Bomben und Artilleriebeschuss, die Tag und Nacht auf die Stadt hagelten. Dazu gesellte sich die grimmige Kälte - der längste und härteste Winter seit Jahrhunderten mit Frösten bis zu minus 35-40 Grad. Bald gab es keinen Strom, keine Heizung, keinen Straßenverkehr, keine Kanalisation, kein Wasser in den geplatzten Leitungen. Der Tod war allgegenwärtig. Seine „Ernte“ im „Sterbewinter“ 1941/42 erreichte täglich 5000 bis 7000 Opfer. Die Leichen der mitten auf dem Weg Zusammengebrochenen lagen überall auf den verschneiten Straßen. Es fehlte die Kraft selbst die eigenen Liebsten zu begraben.  In Laken eingewickelt, wurden ihre Mumien auf den Höfen wie Brennholz gestapelt oder blieben gar tagelang in den durchgefrorenen Wohnungen neben ihren gemarterten Verwandten liegen. Selbst halbtot, schleppten sich die Menschen durch die eisige Stadt, um in stundenlangen Schlangenstehen ihre 125 Gramm Brotration zu bekommen oder einen Kochtopf mit Wasser aus den Eislöchern der Neva und der Kanäle zu holen. Das einzige Transportmittel dafür waren Kinderschlitten.

                                                                                                                                                                                                                                            

Man muss viele Blockade-Tagebücher und Erinnerungen lesen, um versuchen zu begreifen - und es doch nicht begreifen können - wie man diese bestialische Dauerfolter überleben konnte. Das Ausmaß des Leidens in jenen Tagen lässt sich weder ermessen noch vorstellen und beschreiben. Geschweige denn darstellen. Wie kann man den nagenden, bis zum Wahnsinn treibenden Hunger darstellen? Die alle Körperzellen durchdringende Kälte? Den Skorbut, den blutigen Hungerdurchfall, den schwarzen Gram der Ungewissheit auf dem Herzen? Oder das monotone Ticken des Metronoms, der sich beim Luftalarm verdoppelte, als hätte er den Herzschlag der leidgeprüften Stadt gezählt, die nicht sterben wollte und allem zum Trotz sich aus letzer Kraft zur Wehr setzte?

                                                                                                                                        

In der geplanten Ausstellung der Universität Salzburg geht es um ein besonderes Tagebuch -   ein gezeichnetes. Es entstand nicht postum, nach späteren Erinnerungen und der Auslese, die das Gedächtnis im Nachhinein vornimmt sondern unmittelbar nach  dem in jenen Tagen mit eigenen Augen Gesehenem und mit eigenem Herzen Erlebtem, als niemand wusste, wann und wie dieser sadistische Krieg enden wird. Der Autor dieses Tagebuchs ist ein Leningrader Künstler, Alexej Pachomov (1900-1973). In die Kunstgeschichte ist er als „stärkster Darsteller seiner Zeit in deren poetischen wie tragischen Zuständen“ eingegangen. Vor allem war er als einzigartiger Poet der Kindheit und Jugendbekannt. Viele Generationen kannten ihn hauptsächlich durch seine Kinderbuchillustrationen, obwohl er sich in den 1920-30er Jahren als herausragender Avantgardemaler einen Namen gemacht hat. Seine Werke wurden zu Dutzenden in alle Welt verkauft. 1937 erhielt er die Große Goldmedaille auf der Weltausstellung in Paris.

                                                                                                                                               

Pachomov hat die Blockade Leningrads vom ersten bis zum letzten Tag miterlebt. Er gehört zu den wenigen, die sie überlebt und so verarbeitet haben, wie es wohl nur ihm mit seiner poetischen Weltsicht und seinem Menschenideal gegeben war. Um so, aus letzter Kraft, als wäre jeder Tag sein letzter sein konnte, auf das Inferno des Blockadealltags zu reagieren, so innig und warmherzig die Lebenden und mit solchem herzzerreißenden Schmerz und Anteilnahme das, was von ihnen nach den Kreuzesqualen des Leningrader Golgatha übrig blieb, zu zeichnen, musste man, laut dem Urteil der Zeitgenossen, die Weltempfindung der großen Humanisten und das Talent dieses Meisters besitzen.

                                                                                                                                          

„Die Schönheit wird die Welt retten“, - behauptete Fjodor Dostojewski in seinem Roman „Idiot“. “Wir haben die Kunst, um an der Wirklichkeit nicht zugrunde zu gehen“, - meinte auch Goethe. Die Blockadezeit, wie paradox es auch scheinen mag, bestätigte vielfach die Wahrheit dieser Aussagen. In Büchern, Musik, in der Kunst jeder Art suchte und fand man die Stütze, die geistige Lebensenergie, die den an allem Elementaren mangelnden Menschen physisch stündlich ausging. Die Kunst erwärmte und richtete auf mit jener Schönheit des Lebens, an deren Macht Pachomov ebenso glaubte wie Dostojewski oder Goethe. Sie lieferte „geistige Kalorien“, die - entgegen allen medizinischen Gesetzen - sich als imstande erwiesen, zumindest teilweise den Mangel an Nahrungskalorien zu ersetzen. Sie rettete vor Apathie und seelischer Erstarrung, gab Hoffnung, weckte inmitten des Todes den gierigen Wunsch zu leben, nicht aufzugeben, zu kämpfen - mit sich selbst und für die Mitmenschen und damit auch für den Erhalt der Heimat.

 

Zum Symbol dieser Hoffnung wurden in Selbstschutzgruppen vereinte Frauen und junge Mädchen - die   Hauptfiguren von Pachomovs Blockade-Chronik. Neben den Tausenden Müttern, die unter unvorstellbarer Selbstaufopferung ihre Familien zu retten versuchten, wurden sie zur Seele und rettenden Händen der leidenden Stadt. Soweit die Kraft reichte, hielten all diese Schutzengel der gepeinigten Stadt sie an der Schwelle des Todes auf: sie sammelten verwaiste Kinder auf, brachten die Entkräfteten zu Rehabilitationstationen, bargen die Verwundeten aus den zerbombten Häuser und vieles mehr.

                                                                                                                               

Ernst und unpathetisch, mit warmer Sympathie und liebevoller Bewunderung erzählt der Künstler über ihren alltäglichen Dienst um des Lebens willen. Und diese guten Blockade-Feen mit ernsten, müden Gesichtern, in Wattejacken und Männerstiefeln, sind in der lyrischen Melodie von Pachomovs Zeichnungen ebenso schön, wie die Stadt, für die sie selbstlos kämpften. Sie verkörperten den in jenen Tagen so wichtigen Glauben an sich selbst, an Leningrad und seine Zukunft, an die Zukunft der Heimat, die man nie aufgeben wird. Den Glauben an die Schönheit und den Sieg der Menschlichkeit - selbst unter unmenschlichen Bedingungen.

 

Dr. Wasilissa Pachomova-Göres

Kunsthistorikerin